Was ist wahr – und womit hörst du auf zu verhandeln?
Diese Frage stand am Ende eines außergewöhnlich intensiven Augusts.
Ein Monat mit Sonnenfinsternis, Mondfinsternis, Abschlüssen, Erkenntnissen, überraschenden Wendungen und vielleicht auch dem einen oder anderen Moment, in dem das eigene Leben schneller geworden ist als die innere Verarbeitung hinterherkam.
Und dann, am letzten Abend dieses Augusts, begegnet Venus am Himmel einem Stern, dessen Symbolik kaum passender sein könnte:
Spica – die Ähre. Der Stern der Ernte.
Für mich war das kein Moment für noch mehr Loslassen.
Sondern für eine andere Frage:
Was ist nach all dem eigentlich gewachsen?
Spica – die Ähre in der Hand der Jungfrau
Spica ist der hellste Stern im Sternbild Jungfrau.
Sein Name stammt aus dem Lateinischen und bedeutet sinngemäß Ähre oder Kornähre.
In traditionellen Darstellungen der Jungfrau befindet sich diese Ähre in ihrer Hand. Dadurch wurde Spica über lange Zeit mit Ernte, Fruchtbarkeit, Reife und dem sichtbaren Ergebnis einer vorhergehenden Entwicklung verbunden.
Das Bild ist eigentlich wunderschön schlicht.
Eine Ähre erscheint nicht plötzlich.
Vorher gab es einen Samen.
Erde.
Pflege.
Warten.
Zeiten, in denen oberhalb der Erde überhaupt nichts zu sehen war.
Vielleicht sogar Zweifel daran, ob dieser Samen jemals aufgehen wird.
Und irgendwann ist da etwas.
Nicht unbedingt sofort ein riesiges Feld.
Vielleicht zunächst nur eine einzige Ähre.
Aber sie beweist:
Die Saat hat gelebt.
Astrologisch gehört Spica zu den Fixsternen, die traditionell mit Begabung, Förderung, Kreativität, Erfolg und günstigen Entwicklungsmöglichkeiten verbunden werden.
Ich würde daraus trotzdem keinen kosmischen Lottoschein machen.
Spica bedeutet für mich nicht:
„Heute bekommst du plötzlich alles, was du willst.“
Viel interessanter finde ich:
Was ist aus dem geworden, was du tatsächlich gepflegt hast?
Wenn Venus auf die Ernte trifft
Venus steht astrologisch für wesentlich mehr als romantische Liebe.
Sie erzählt von unseren Beziehungen, unseren Werten, unserem Selbstwert, Schönheit, Genuss, Geld und der Frage:
Was ist mir etwas wert?
Wenn Venus auf die Symbolik von Spica trifft, entsteht deshalb für mich eine ziemlich unbequeme, aber spannende Frage:
Bewegt sich das, was du begehrst, eigentlich auf das zu, was du aufgebaut hast?
Oder laufen diese beiden Dinge in verschiedene Richtungen?
Vielleicht wünschst du dir ein bestimmtes Leben.
Aber baust du dieses Leben mit deinen täglichen Entscheidungen überhaupt?
Vielleicht möchtest du eine tiefe Beziehung.
Aber bist du wirklich bereit, dich darin zu zeigen?
Vielleicht möchtest du berufliche Freiheit.
Aber fließt deine Energie tatsächlich in den Weg, der dich dorthin führen kann?
Vielleicht möchtest du mehr Ruhe.
Aber gibt es in deinem Leben überhaupt Platz dafür?
Das ist keine Frage nach Leistung.
Es ist eine Frage nach Übereinstimmung.
Passt das, was du täglich nährst, noch zu dem, was du wirklich möchtest?
Der August als verdichtete Zeit
Im Live habe ich ein Bild aufgegriffen, das für mich sehr gut zu den vergangenen Wochen passt:
Finsterniszeiten können sich wie verdichtete Zeit anfühlen.
Astrologisch werden Finsternisse häufig als Phasen betrachtet, in denen Entwicklungen stärker sichtbar werden oder schneller an einen Wendepunkt gelangen.
Ich sehe sie dabei weniger als Verursacher.
Eine Finsternis erschafft nicht zwangsläufig plötzlich ein Problem, das vorher nicht existiert hat.
Ich mag ein anderes Bild viel lieber:
den Scheinwerfer.
Etwas war bereits da.
Vielleicht eine Erschöpfung.
Eine Beziehung, die schon länger nicht mehr stimmig war.
Eine Entscheidung, die immer wieder verschoben wurde.
Ein Projekt, das eigentlich längst nicht mehr das eigene war.
Eine Wahrheit, die irgendwo am Rand des Bewusstseins herumlag.
Und plötzlich fällt Licht darauf.
Wegsehen wird schwieriger.
Vielleicht war genau das dein August.
Nicht unbedingt ein Monat, in dem alles neu entstanden ist.
Sondern ein Monat, in dem einiges nicht mehr übersehen werden konnte.
Das innere Wartezimmer
Eine der stärksten Metaphern unseres Lives war für mich das Wartezimmer.
Vielleicht kennst du diesen Zustand.
Du bist nicht mehr wirklich in der alten Situation.
Aber du bist auch noch nicht in der neuen.
Du wartest.
Auf eine Antwort.
Auf einen Menschen.
Auf einen besseren Zeitpunkt.
Auf Geld.
Auf Sicherheit.
Auf Mut.
Auf ein Zeichen.
Und irgendwann stellst du fest:
Du sitzt seit Monaten oder vielleicht sogar Jahren in diesem inneren Wartezimmer.
Dann lautet die entscheidende Frage vielleicht gar nicht mehr:
„Worauf warte ich?“
Sondern:
Was weiß ich inzwischen längst genug, um aufzustehen?
Manchmal fehlt uns nämlich nicht noch eine Information.
Manchmal fehlt uns die Bereitschaft, das bereits Erkannte wirklich anzunehmen.
Wo existiert Liebe tatsächlich?
Durch Venus bekam dieser Abend natürlich auch eine starke Beziehungsebene.
Aber ich wollte im Live ganz bewusst nicht fragen:
„Welche Beziehung ist für dich bestimmt?“
Mich interessiert inzwischen etwas anderes viel mehr:
Wo existiert Liebe tatsächlich in deinem Leben?
Nicht theoretisch.
Nicht in einem möglichen Morgen.
Nicht in einem „wenn er irgendwann …“.
Nicht in einem idealisierten Konzept.
Sondern jetzt.
Wer ist da?
Wer trägt dir Liebe entgegen?
Wer nimmt deine Liebe an?
Wo gibt es Gegenseitigkeit?
Wo gibt es Ehrlichkeit?
Wo kannst du sein, ohne dich ständig beweisen zu müssen?
Und noch unbequemer:
Kannst du Liebe genauso gut annehmen, wie du sie geben kannst?
Denn auch Geben kann manchmal Schutz sein.
Manchmal geben wir unglaublich viel, weil wir dadurch gebraucht werden.
Manchmal hoffen wir unbewusst:
Wenn ich genug gebe, geht der andere nicht.
Dann geht es irgendwann nicht mehr nur um Liebe.
Dann geht es auch um Sicherheit.
Und genau solche Dinge werden interessant, wenn Venus nicht nur nach unserem Begehren fragt, sondern nach unseren wirklichen Werten.
Was hat dir der August über einen Menschen gezeigt?
Vielleicht hast du in diesem Monat auch einen Menschen neu gesehen.
Das muss nicht negativ sein.
Vielleicht dachtest du, jemand würde niemals für dich da sein – und plötzlich war er da.
Vielleicht hattest du etwas für stabil gehalten und erkannt, dass es längst hohl geworden war.
Vielleicht dachtest du, du hättest mit einer Verbindung abgeschlossen und plötzlich war da wieder ein Gefühl, eine Erinnerung oder eine Frage.
Vielleicht hast du einen Menschen aber auch zum ersten Mal ohne deine alte Geschichte über ihn gesehen.
Und manchmal ist genau das eine Ernte:
Nicht der Mensch verändert sich.
Sondern unser Blick.
Venus ist auch Geld, Wert und materielle Wirklichkeit
Spica und Venus lassen sich auch sehr bodenständig betrachten.
Wo fließt deine Energie hin?
Wo fließt dein Geld hin?
Wo fließt deine Zeit hin?
Und entsteht daraus überhaupt das, von dem du behauptest, dass du es haben möchtest?
Das bedeutet ausdrücklich nicht:
„Wenn du nur hart genug arbeitest, bekommst du automatisch Erfolg.“
So simpel funktioniert das Leben nicht.
Aber wir können trotzdem ehrlich betrachten:
Investiere ich noch in das, was mir wirklich wichtig ist?
Oder verbrauche ich meine Kraft inzwischen hauptsächlich damit, eine Struktur am Leben zu halten, die ich gar nicht mehr möchte?
Gerade bei beruflichen und kreativen Projekten ist Spica für mich deshalb ein schönes Bild.
Manchmal wächst lange scheinbar nichts.
Kaum Reichweite.
Kaum Geld.
Kaum Resonanz.
Und irgendwann erscheint die erste Ähre.
Sie ist vielleicht noch keine große Ernte.
Aber sie zeigt:
Hier lebt etwas.
Und manchmal reicht diese Erkenntnis, um weiterzugehen.
Wo hast du Stärke gespielt?
Eine andere Frage dieses Übergangs betrifft unser Selbstbild.
Was hast du im August über deine tatsächlichen Grenzen erfahren?
Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die sehr lange sagen:
„Ich schaffe das schon.“
Und vielleicht konntest du irgendwann nicht mehr überhören, dass etwas in dir längst sagt:
„Nein. Gerade nicht.“
Vielleicht hast du gesagt:
„Das macht mir nichts aus.“
Obwohl es sehr wohl etwas mit dir gemacht hat.
Oder:
„Ich brauche niemanden.“
Obwohl du dir eigentlich Nähe gewünscht hast.
Stärke ist für mich nicht, niemals müde zu sein.
Und Stärke ist auch nicht, niemals jemanden zu brauchen.
Manchmal besteht Stärke darin, die Inszenierung von Stärke zu beenden.
Wo hast du im August aufgehört, dir selbst etwas vorzumachen?
Das kann eine sehr wertvolle Ernte sein.
Jede Ernte hat einen Schatten
Bei dem Wort Ernte denken wir schnell an Belohnung.
An Fülle.
An Früchte.
Aber zu einer Ernte gehört immer auch etwas anderes.
Etwas wird abgeschnitten.
Etwas bleibt auf dem Feld zurück.
Etwas hat seinen Zyklus beendet.
Vielleicht hat dich dieser August deshalb auch etwas gekostet.
Eine Illusion.
Eine Beziehung.
Eine Erwartung.
Eine Rolle.
Eine alte Version deiner selbst.
Vielleicht war dieser Verlust notwendig.
Vielleicht war er sogar richtig.
Und trotzdem darf er wehgetan haben.
Wir müssen einen Verlust nicht schönreden, damit daraus etwas Neues entstehen kann.
Ich finde einen Satz dafür viel ehrlicher:
Es war.
Es gehört zu meiner Geschichte.
Und es muss nicht meine gesamte Zukunft bestimmen.
Der Schatten darf Teil der Ernte sein, ohne die ganze Ernte zu verdunkeln.
Vom August in den September
Für mich verändert sich mit diesem Übergang auch die große Frage.
Im August ging es viel um:
Was wird sichtbar?
Was bricht auf?
Was hält nicht mehr?
Was erkenne ich?
Im September darf daraus etwas anderes entstehen:
Was baue ich jetzt daraus?
Passend dazu stand Ende August auch das astrologische Zusammenspiel von Jupiter und Saturn stark im Raum.
Jupiter möchte wachsen.
Saturn fragt:
Kannst du diesem Wachstum eine Form geben, die es auch trägt?
Das ist ein wunderbarer Gegenpol zu einem Monat voller Erkenntnisse.
Denn eine Erkenntnis allein verändert noch kein Leben.
Irgendwann braucht sie:
eine Entscheidung.
eine Struktur.
einen ersten Schritt.
Vielleicht möchtest du selbstständiger arbeiten.
Dann lautet die Frage irgendwann nicht mehr nur:
„Will ich das?“
Sondern:
Was ist der erste konkrete Schritt?
Vielleicht möchtest du eine Beziehung vertiefen.
Dann:
Welches Gespräch findet tatsächlich statt?
Vielleicht möchtest du mehr Ruhe.
Dann:
Wo bekommt Ruhe einen festen Platz in deinem Alltag?
Nicht hundert neue Ideen.
Eine Richtung.
Welchen Samen setzt du für den September?
In unserer Meditation am Ende des Lives haben wir deshalb nicht versucht, gleich ein ganzes neues Feld zu bepflanzen.
Nur einen Samen.
Nicht zehn.
Einen.
Was möchtest du im September bewusst nähren?
Vielleicht:
Ruhe.
Kreativität.
Liebe.
Gesundheit.
Selbstwert.
eine Beziehung.
ein Projekt.
finanzielle Stabilität.
Mut.
Oder etwas ganz anderes.
Nicht alles muss gleichzeitig wachsen.
Und vielleicht ist genau das eine der reifsten Erkenntnisse nach einem intensiven Monat:
Ich darf auswählen.
Eine kleine Spica-Meditation für dich
Du brauchst dafür keinen freien Himmel und musst Spica nicht sehen können.
Setz dich für einen Moment bequem hin.
Schließ die Augen, wenn du möchtest.
Atme langsam ein und wieder aus.
Und stell dir vor, du hältst eine einzige Ähre in deinen Händen.
Sie steht für etwas, das in den vergangenen Wochen in deinem Leben reif geworden ist.
Vielleicht eine Erkenntnis.
Eine Grenze.
Eine Entscheidung.
Eine Wahrheit.
Vielleicht Liebe.
Vielleicht etwas, das du erst durch einen Verlust verstehen konntest.
Frag dich:
Was sehe ich heute, das ich am Anfang des Augusts noch nicht sehen konnte?
Nimm die erste Antwort.
Nicht die perfekte.
Und sag innerlich:
Ja, das ist wahr.
Ich lasse es wahr sein.
Und ich werde mit dieser Wahrheit vorangehen.
Du musst heute noch nichts lösen.
Nur anerkennen.
Dann stell dir ein weites Feld vor.
Der August liegt hinter dir.
Vor dir liegt Raum.
Und frage dich:
Welchen einen Samen möchte ich dort hineinsetzen?
Lass das erste Wort kommen.
Und nimm es mit.
Was ist wahr – und womit hörst du auf zu verhandeln?
Vielleicht ist das die eigentliche Frage von Venus und Spica.
Nicht:
„Was bekomme ich jetzt?“
Sondern:
Was ist reif genug, dass ich es endlich anerkennen kann?
Vielleicht hat der August dir etwas genommen.
Vielleicht hat er dir aber auch etwas zurückgegeben.
Klarheit.
Eine Grenze.
Eine Beziehung in einer ehrlicheren Form.
Eine Idee.
Mut.
Oder dich selbst.
Und vielleicht ist deine Ernte kleiner, als du gehofft hast.
Vielleicht ist sie größer.
Vielleicht sieht sie vollkommen anders aus.
Aber du stehst heute nicht mehr dort, wo du am Anfang dieses Zyklus gestanden hast.
Nimm mit, was gewachsen ist.
Lass zurück, was seinen Zyklus beendet hat.
Und entscheide bewusst, was du noch einmal säen möchtest.
